Unerwünschte Vielfalt – Die russische Kirche und Proteste

Regula Zwahlen, Natalija Zenger

Auf die Protestwelle Anfang 2021 gab es unterschiedliche Reaktionen aus der Russischen Orthodoxen Kirche. Während die Kirchenleitung von einer „Krise der jungen Generation“ sprach, zeigten einzelne Geistliche Verständnis für die Empörung über die staatliche Repression und die unter Jugendlichen empfundene Perspektivlosigkeit. Der von der Staatsspitze und Kirchenleitung beschworene Diskurs der „traditionellen Werte“ stößt auch innerkirchlich auf Widerspruch.

Im Vorfeld der Duma-Wahlen betonte Metropolit Ilarion (Alfejev), Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats, einmal mehr: Die Russische Orthodoxe Kirche (ROK) mischt sich nicht direkt in den politischen Wahlkampf ein. Die Kirche unterstütze jedoch alle politischen Kräfte, die einen stabilen Staat, bürgerlichen, interkonfessionellen und internationalen Frieden fördern.1 Nun könnte man gewisse Zweifel daran hegen, ob die herrschende Regierungselite eben diesen Zielen dient, keine Zweifel bestehen jedoch spätestens seit den Protesten gegen die Verhaftung des russischen Oppositionspolitikers Alexej Navalnyj (s. RGOW 4–5/2021, S. 3–4) daran, dass die Kirchenleitung der ROK die bestehenden Machtstrukturen ohne Einschränkung stützt, und dies nicht nur in Russland, sondern auch in Belarus (s. RGOW 12/2020, S. 12–13). Politischer Veränderungs- oder Gestaltungswille wird mit Verweis auf die u. a. von „ausländischen Agenten“ geförderte Revolution von 1917 abgewürgt, und nicht zufällig bezeichnet Metropolit Ilarion Kritiker seiner Synodalabteilung als „kirchliche Navalnyjs“.2 Andere Kirchenvertreter und Gläubige sind jedoch der Meinung, man müsse kein Navalnyj-Fan sein, um über die Umstände seiner Verhaftung und die Behandlung der Protestierenden empört zu sein. Die Vielfalt der russländischen Gesellschaft spiegelt sich somit auch im kirchlichen Umfeld wider.

Regimekritik mit Berufung auf christliche Prinzipien
Alexej Navalnyj sitzt – nach dem Giftanschlag im August 2020, der Behandlung in der Berliner Charité, der Rückkehr nach Russland im Januar und der Verurteilung im Februar 2021 – in einem russischen Straflager. Grenzenlos gereizt hat er das Regime nicht nur mit seiner Rückkehr, sondern auch mit einer Filmdokumentation über den Bau eines luxuriösen Palastes für Präsident Putin an der russischen Schwarzmeerküste. Für die Aufdeckung von Korruptionsskandalen innerhalb der Regierungseliten ist Navalnyj seit Jahren bekannt.

In einem schriftlichen Interview für die New York Times Ende August über seine Haftbedingungen sprach Navalnyj von psychologischer Gewalt: Er werde ständig provoziert, um ihm dann Ausschreitungen vorzuwerfen. Deshalb „habe ich beschlossen, dies hier als ein ausgezeichnetes christliches Praktikum zu betrachten. Schließlich sprechen wir ständig davon, unsere Feinde zu lieben, also probier einfach mal, diejenigen zu verstehen und denjenigen zu verzeihen, die Du vor kurzem buchstäblich nicht ertragen konntest. Nun, ich gebe mir Mühe.“3

Bereits in einer seiner Reden vor Gericht hatte Navalnyj sich als gläubigen Menschen bezeichnet, der nach dem Grundsatz handelt: „Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden“ (Mt 5,6).4 Appelle an christliche Motive sind bei russischen Oppositionellen nicht ungewöhnlich – dies kam bereits 2012 beim skandalträchtigen „Punk-Gebet“ in der Christ-Erlöser-Kathedrale der Pussy Riot-Gruppe zum Ausdruck, in dem die Gottesmutter darauf aufmerksam gemacht wurde, dass der Patriarch nicht an Gott, sondern an Putin glaube (s. RGOW 3/2013, S. 20–22). Seither hat die ROK den staatlich geförderten konservativen Diskurs um „traditionelle Werte“ verstärkt, wobei die kirchliche Deutungshoheit in Bezug auf christliche Prinzipien von Oppositionellen gerne in Frage gestellt wird: So appellierte der Student und Blogger Jegor Schukov, der aufgrund seiner Kritik an den Manipulationen bei den Moskauer Stadtdumawahlen 2019 zu drei Jahren Bewährungshaft verurteilt wurde, bei seiner viel beachteten Schlussrede vor Gericht an die christlichen Werte der Liebe, Vertrauen, Mitgefühl, Humanismus, gegenseitige Hilfe und Sorge füreinander, auf denen eine starke Gesellschaft beruhen müsste (vgl. RGOW 1/2020, S. 3).

Schukovs und Navalnyjs Äußerungen stehen in einer Tradition von Regime- und Kirchenkritikern; in der russischen Kulturgeschichte berühmt ist z. B. ein Brief des Publizisten Vissarion Belinskij von 1847 an den frisch bekehrten Schriftsteller Nikolaj Gogol: Die „orthodoxe Kirche […] war von jeher ein Bollwerk der Knute und eine Handlangerin des Despotismus. Aber warum haben Sie Christus mit ins Spiel gezogen? Was haben Sie Gemeinsames zwischen ihm und irgendeiner, vor allem aber der orthodoxen Kirche entdeckt? Er brachte den Menschen als erster die Lehre von der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und besiegelte und bekräftigte mit seinem Martertod die Wahrheit seiner Lehre. Und sie war nur so lange eine Heilslehre für die Menschen, bis sie sich zur Kirche organisierte und die Orthodoxie zu ihrem Grundprinzip erhob.“5 Für das öffentliche Vorlesen dieses provokativen Texts wurde Fjodor Dostojevskij 1849 zum Tode verurteilt und erst kurz vor dem Erschießungsbefehl begnadigt.

„Krise der jungen Generation“
Der zunehmend repressive Charakter des aktuellen russischen Regimes ließ sich in den letzten Monaten verfolgen: Abgesehen vom Umgang mit Navalnyj sprechen die brutale Behandlung und Festnahmen der friedlich Protestierenden, die massive Verhinderung der Teilnahme von Oppositionskandidaten und die offensichtlichen Manipulationen bei den Duma-Wahlen sowie die Aufnahme unabhängiger Medien und Medienschaffenden in das berüchtigte Register „ausländischer Agenten“ Bände: Letzteres enthält inzwischen 47 Einträge – beinahe eine Verdreifachung seit April. Bei den Protesten Anfang dieses Jahres wurden 11 000  Personen festgenommen, zurzeit gibt es 155 Strafverfolgte (23 in der Strafkolonie, 9 in Untersuchungshaft, die restlichen wurden mit diversen Freiheitseinschränkungen oder Bußen entlassen, sind ausgereist oder verschollen). Neben der Freilassung Navalnyjs und anderer politischer Gefangener zählen faire und ehrliche Wahlen sowie soziale Ungerechtigkeit zu den Hauptanliegen der mehrheitlich jungen Protestierenden – gemäß Umfragen waren etwa 24 Prozent 18–25-jährig, 42 Prozent 25–35-jährig, und 15 Prozent 36–46-jährig.6

Die Existenz sozialer Probleme und Korruption räumte zwar auch Metropolit Ilarion ein – das sei aber noch lange kein Anlass, „Jugendliche aufzurufen, auf die Straße zu gehen“. Kinder und Jugendliche würden „bewusst nicht in die Politik, sondern in eine politische Konfrontation gezogen“, und das sei eine „absolut unzulässige Verletzung der bürgerlichen Rechtsordnung“. Mit dem Fokus auf die unzulässige Politisierung der Jugendlichen folgt Ilarion der Interpretationslinie, die Patriarch Kirill vorgegeben hat: Er deutete die Proteste als eine „Krise der jungen Generation“, die unter dem gewaltigen Einfluss der Medien und des Internets buchstäblich verrückt werde und sämtliche Orientierung im Leben verliere. Um deren „zerstörerische Einflüsse“ abzuwehren, müssten vor allem die Eltern die Kinder zu „richtigen Gedanken und richtigen Überzeugungen“ erziehen. Letztere haben laut dem stellv. Leiter der Synodalabteilung für die Beziehungen der Kirche zu Gesellschaft und Medien, dem Politologen Alexander Schtschipkov, die Angehörigen der Sonderpolizei OMON: sie seien der „beste Teil der russischen Jugend“, der seine Gesundheit opfert, um „uns zu beschützen“.7

Unter Regimekritikern aufhorchen ließ jedoch ein Interview mit Erzpriester Maxim Kozlov, Mitglied des Obersten Kirchenrats der ROK. Ihm zufolge ist das Hauptproblem weder der „Herr, für dessen Freiheit demonstriert wurde, noch der Palast“, der angeblich für Präsident Putin gebaut werde, sondern das Fehlen eines „klaren positiven Projekts“ für das Land: „Ich kann mich gut in die Lage eines jungen Menschen versetzen, der 16, 18, 20 Jahre alt ist und so denkt: ‚Also soll es nun bis 2036 immer gleich weiter gehen? Nicht hierhin, nicht dorthin? Immer dieselben Gesichter, dieselben ewigen Gesichter in der Duma, die seit den 1990er Jahren Parteiführer sind, bald schon Greise, die wir seit 1991, 1993 kennen, und gibt es in Russland wirklich niemand anderen, der die Sehnsüchte der Menschen zum Ausdruck bringen könnte?‘ Das Empfinden, dass dem eigentlich nicht so ist, es aber keine andere Möglichkeit gibt, führt dann eben leider unter anderem zu solchen Erscheinungen, wie wir sie am vergangenen Samstag [23. 1. 2021] erlebt haben.“8 Neben den Anspielungen auf die spätsowjetische Stagnation mit ihren greisen Parteisekretären lässt sich diese Aussage auch als Kritik der konservativen Verfassungsreform von 2020 lesen, die eine zweifache Wiederwahl und damit die Präsidentschaft von Vladimir Putin bis 2036 ermöglicht. Kozlov betonte zudem, dass die heutigen Gemeinden der ROK für Menschen jeder politischen Gesinnung offen sein müssten, sowohl für die Protestteilnehmerin als auch für den OMON-Polizisten. Die offensichtlich „nicht monolithische, eher unsolidarische“ russische Gesellschaft müsse lernen, friedlich mit unterschiedlichen sozial-politischen Ansichten zusammenzuleben, denn der Versuch, eine monoideologische Gesellschaft zu schaffen, habe schon einmal zu Totalitarismus geführt.

In der Tat liegen die größten Hoffnungen kircheninterner Kritiker der Kirchenleitung für eine lebendige Auseinandersetzung mit sozialen und Jugendproblemen auf der Gemeindeebene: Sergej Tschapnin, Publizist und ehemaliger Redakteur des Journals des Moskauer Patriarchats, ruft die Gemeindepriester dazu auf, ehrlich auf die Probleme der Jugendlichen einzugehen und sie vor „der offiziellen Kirchenrhetorik zu bewahren“, deren Gerede von „traditionellen Werten“ und Kritik an den sozialen Netzwerken und der Konsumgesellschaft bei den Jugendlichen auf Skepsis bis zu homerischem Gelächter stoße: „Die Jugend ist nicht dumm.“ Zwar bemühe sich die Kirche um den Aufbau einer Jugendarbeit auf gesamtkirchlicher Ebene (s. RGOW 1/2017, S. 14–16), doch mit ihrer unverhohlenen Unterstützung der staatlichen Repressionen und nicht dem geringsten Verständnis für die Anliegen der Protestierenden mache die Kirchenhierarchie – sowohl in Russland als auch in Belarus – einen großen Fehler.9

Ähnlich argumentierte Priester Georgij Edelschtejn, bekannt für seinen Einsatz für die Rechte und Freiheiten der Gläubigen in den 1970er Jahren und Mitglied der Moskauer Helsinki Gruppe, anlässlich des fragwürdigen Gerichtsverfahrens gegen Navalnyj: „Man sollte mich und Millionen meiner Mitbürger nicht für Idioten halten […] Warum war das ganze Zentrum Moskaus abgesperrt? […] Warum waren im Zentrum Moskaus zehntausende von Polizisten unterwegs […]? Wirklich nur deswegen, weil irgendein Alexej Navalnyj fünf oder sechs Mal nicht zur Registration erschienen war?“ Daraus könnten zig Millionen Menschen in Russland nur schließen, dass man dem Gericht und der Prokuratur niemals glauben kann.10 Zur Erinnerung: Navalnyj wurde zu zweieinhalb Jahren Straflager verurteilt, weil er während seiner Behandlung in Deutschland nicht regelmäßig zur Registration erscheinen konnte – ein Verstoß gegen die Bewährungsauflagen aus einem ebenfalls politisch motivierten Prozess von 2013. Seit Ende September liegt nun gegen Navalnyj und zwei seiner Mitstreiter eine Anklage wegen Schaffung einer „extremistischen Vereinigung“ vor: Sie fordert zehn Jahre Haft.11

Lebhafte innerkirchliche Debatten
Was die Ablehnung jugendlicher Proteste angeht, stützt sich die Kirchenleitung auf die „Grundlagen einer Sozialkonzeption der ROK“ aus dem Jahr 2000, denn Aufrufe zu politischen Veränderungen sind unerwünscht: „Die Kirche erachtet sich nicht als zuständig, Änderungen an der Herrschaftsform vorzunehmen“ (III.7).12 Dennoch werden die durchaus lebhaften Debatten im kirchlichen Umfeld bisher nur in Einzelfällen unterbunden. Der Religionsexperte Roman Lunkin meint sogar: „Das Schweigen von Patriarch Kirill öffnet das Feld für die politische Selbstbestimmung der Geistlichen.“ Er beobachtet ein erwachendes politisches Interesse bei einer neuen Generation von jungen Geistlichen und Gemeindegliedern, die ihre eigene Zukunft gestalten wollen.13 Auch sie berufen sich auf die Sozialkonzeption der ROK: Das noch nie dagewesene „Recht, dem Staat den Gehorsam zu verweigern […], wenn die staatliche Macht die orthodoxen Gläubigen zur Abkehr von Christus und Seiner Kirche sowie zu sündhaften, der Seele abträglichen Taten nötigt“ (III.5), erregte einiges Aufsehen, weit häufiger ist jedoch der Bezug auf folgende Passage: „Der traditionelle Bereich der gesellschaftlichen Bemühungen der Orthodoxen Kirche besteht im Eintreten für die Nöte des Volkes, für die Rechte und Sorgen einzelner Bürger oder gesellschaftlicher Gruppen. Ein solches Eintreten ist Pflicht der Kirche, der sie durch mündliche oder schriftliche Intervention bei der Staatsgewalt in den einzelnen Ressorts bzw. auf verschiedenen Ebenen seitens der entsprechenden Instanzen nachkommt.“ (III.8).

So stieß 2019 ein offener Brief auf große Resonanz, in dem sich fast 200 Geistliche für angeklagte und verurteilte Teilnehmende an den Protesten gegen Wahlmanipulationen bei den Moskauer Lokalwahlen eingesetzt hatten. Für den Brief zeigte jedoch das Moskauer Patriarchat wenig Verständnis, das die Aktion als „politische Deklaration“ verurteilte, ihr aber keine Sanktionen folgen ließ (s. RGOW 10/2019, S. 6). Im Dezember 2020 unterzeichneten über 2000 russisch-orthodoxe Christen einen weiteren offenen „Brief an die Christen in Belarus“, die an den Protesten gegen Lukaschenkas Wahlfälschung teilgenommen hatten (s. RGOW 12/2020, S. 11).

Auch während der Proteste in Russland Anfang 2021 wurden in den christlichen sozialen Netzwerken Debatten zum Thema geführt, wobei sich Geistliche und Gläubige meist nicht hinter Navalnyj, aber gegen die staatliche Gewalt und die Vernichtung der bürgerlichen Freiheiten im Land stellten. Eine gewisse Selbstzensur und die Angst vor Disziplinierungen mögen dazu beigetragen haben, dass es diesmal keine vergleichbare gemeinschaftliche Aktion von Geistlichen zugunsten der Protestierenden in Russland gab. Vielmehr waren es einzelne Geistliche, die Kritik übten und Gegenwind zu spüren bekamen. So wurde der Priester Andrej Vinarskij aufgrund seiner Teilnahme an einer Kundgebung zugunsten Navalnyjs im Januar in Chabarovsk zu 20 Tagen Haft verurteilt. Nach der Verbüßung seiner Strafe verbot die Kirchenleitung ihm Gottesdienste zu feiern, trotz einer Petition seiner Gemeinde für seine Rückkehr. Erst wenn er bereut, soll das Verbot aufgehoben werden. Dies jedoch lehnt Vinarskij ab. Am 2. Juli wurde er erneut festgenommen, als er beim Chabarovsker Gerichtsgebäude gegen den Prozess gegen den früheren Koordinator des lokalen Navalnyj-Stabs protestierte. Vinarskij, seit über 20 Jahren Priester in der Eparchie Birobidzhan, war bereits für seine Unterstützung des verhafteten Ex-Gouverneurs der Region Chabarovsk, Sergej Furgal, bekannt und war an den Demonstrationen im Herbst 2020 mehrmals festgenommen worden (s. RGOW 12/2020, S. 21–24).14

Fehlende theologische Sprache
Ein Beispiel für eine vergleichsweise offen geführte Debatte ist der Fall von Alexej Uminskij, Priester einer Kirchgemeinde in Moskau, der aufgrund zahlreicher Publikationen und Medienauftritte hohes Ansehen genießt und einer der wenigen Geistlichen ist, die offen mit der Opposition sympathisieren. Er rief im April in einem Video dazu auf, „christliche Gnade“ gegenüber dem inhaftierten Oppositionellen Alexej Navalnyj zu zeigen, der in einen Hungerstreik getreten war, um eine Untersuchung durch einen Vertrauensarzt zu erwirken. Dabei brachte Uminskij seine Hoffnung zum Ausdruck, dass die Aufmerksamkeit für das Schicksal Navalnyjs ein Anstoß für die Behörden sein möge, die schlechte medizinische Versorgungslage in Gefängnissen zu verbessern. Zwei Tage nach Veröffentlichung des Videos griff Sergej Karnauchov, Politologiedozent an der Moskauer Universität und früherer Mitarbeiter des Innenministeriums, Uminskij in einer Sendung mit dem Titel „Wer zerrt die Kirche in die Politik und macht aus Kriminellen Märtyrer?“ im Fernsehsender Spas der ROK scharf an: Uminskij sei kriminell und sollte verhaftet werden, bevor er „unsere Kirche in den Abgrund stürzt“. Er warf ihm „Extremismus“ vor und forderte, Priester systematischer zu disziplinieren, sonst werde die ROK in nächster Zukunft viel unter Geistlichen zu leiden haben, die zu Hauptakteuren „nicht nur gegen die Kirche, sondern den verfassungsmäßigen Aufbau Russlands“ würden.

Verschiedene orthodoxe Organisationen und Kirchenvertreter ergriffen daraufhin Partei für Uminskij, so der bekannte Erzdiakon Andrej Kurajev in seinem LiveJournal-Blog. Das orthodoxe Internetportal Pravmir kündigte an, solange seine Zusammenarbeit mit Spas zu unterbrechen, bis sich die Leitung des Senders offiziell entschuldigt habe. Uminskij beschwichtigte, die Verantwortlichen der Sendung hätten sich bereits bei ihm persönlich entschuldigt. Der Moderator der betreffenden Sendung, Roman Golovanov, erklärte daraufhin live in seiner Sendung Strim, es sei ein Fehler gewesen, Karnauchovs Beschuldigungen auszustrahlen und entschuldigte sich „bei allen, die verletzt wurden“.15

Daraus lässt sich schließen, dass nach wie vor eine Vielfalt der medialen und sozialen Netzwerke innerhalb der ROK gegeben ist (s. RGOW 6/2020, S. 16–18). Der russisch-orthodoxe Theologe Andrei Shishkov sieht hier jedoch noch Entwicklungspotential: Es fehle den orthodoxen Christen Russlands in Bezug auf politische Fragen noch eine theologische Sprache, die über Allgemeinplätze wie „die Kirche steht außerhalb der Politik“ und „dem Kaiser, was dem Kaiser gehört“ hinausgeht. Engagiertes orthodoxes politisches Denken sei in der Zwischenkriegszeit stehengeblieben, als es unter den russischen Emigranten in Paris als Antwort auf politische Gewalt, Ungerechtigkeit und auf die Unfähigkeit der Kirche, die politischen Geschehnisse moralisch einzuordnen, allmählich entstanden sei: „Zurzeit sind wir Zeugen von episodischen, kaum zusammenhängenden Initiativen. Sie erinnern an eine Person, die wieder neu sprechen lernen muss. Die Stimme ist noch schwach, und die Worte oft verwirrt. Eine lange Periode der Rehabilitation liegt noch vor uns.“16

Eine „win-win“-Symphonie?
Was die politische Position der Kirchenleitung betrifft, so hat die Annäherung des Moskauer Patriarchats an die Regierung seit Amtsantritt von Patriarch Kirill 2009 sichtbar zugenommen (s. RGOW 2/2019, S. 3). Die ROK ist zwar keine Staatskirche, die Steuergelder erhält, aber sie ist eine zentrale Akteurin im neuen konservativen Autoritarismus, für die sich die „Symphonie“ mit dem Staat lohnt – symbolhaft dafür steht in Moskau die 2020 eingeweihte Auferstehungskathedrale der russischen Streitkräfte (s. RGOW 7–8/2020, S. 3). Die Kehrseite der Medaille ist, dass es sich die ROK kaum mehr leisten kann oder will, das gegenwärtige Regime zu kritisieren. Die Formen der Zusammenarbeit mit dem Staat haben im vergangenen Jahrzehnt rasant zugenommen: Ein Bericht über die Vergabe von präsidialen Fördermitteln von 2015 des Zentrums für ökonomische und politische Reformen stellte bereits damals fest, dass die ROK und ihr nahestehende, die staatliche Rhetorik unterstützende NGOs zu den bedeutendsten Empfängern von Zuschüssen geworden seien.17 Der Journalist Andrej Soldatov ist sogar der Ansicht, die ROK habe die Handlungsfreiheit einer freien religiösen Organisation weitgehend aufgegeben: In zahlreichen „Kooperationsabkommen“ mit sämtlichen Sicherheitsbehörden, „einschließlich dem Innenministerium, der Rosgvardija (Streitkräfte der Nationalgarde) und den Strafvollzugsbehörden (FSIN),“ ordne sich die Kirche den militärischen Befehlshabern direkt unter.18 Was die von Patriarch Kirill beklagte „politische Verführung der Jugend“ betrifft, fehlt es deshalb auch nicht an sarkastischen Kommentaren bezüglich der bestimmt gänzlich unpolitischen „militärisch-patriotischen“ Erziehung an Sonntagsschulen.

Im Falle einer Abwahl oder gar eines Sturzes der Regierung Putins hat die Kirche viel zu verlieren, vor allem was ihr Budget angeht (s. RGOW 12/2020, S. 25–27). Bereits verloren hat die Kirchenleitung die Achtung von vielen „liberalen“, vor allem städtischen Intellektuellen,19 aber auch diejenige der sog. orthodoxen Fundamentalisten, die sie mit dem Diskurs der „traditionellen Werte“ an sich zu binden versuchte. Deren Einfluss hat zu Zeiten der Pandemie enorm zugenommen. Zahlreiche Priester und Gläubige ignorierten die von der Kirchenleitung unterstützten staatlichen Schutzmaßnahmen und verdammten u. a. die angeordneten Kirchenschließungen ironischerweise als Teil einer „liberal-säkularen Verschwörung“ (s. RGOW 3/2021, S. 27–29). Beweis für ihren zweifelhaften Erfolg ist die Tatsache, dass Klöster zu Infektionsherden geworden sind.20 Scheinbar gelingt es den Kirchenhirten kaum, ihre disparate Herde im Zaum zu halten.

Die Ereignisse der vergangenen Monate zeigen, dass die Stabilität des Systems zunehmend durch Repression, Medien- und Wahlmanipulation erkauft wird. Indem sich das Moskauer Patriarchat von diesem Staat abhängig gemacht hat, fehlt ihm zunehmend die Flexibilität, mit dem pluralen Meinungsspektrum unter den Kirchengliedern umzugehen. Der konservative Diskurs der „traditionellen Werte“ ist nämlich nur einer unter vielen.

Anmerkungen
1)   https://ria.ru/20210911/vybory-1749687974.html
2)   https://ahilla.ru/glava-ovtss-nazval-kritikov-ego-sinodalnogo-otdela-tserkovnymi-navalnymi/.
3)   https://navalny.com/p/6530/.
4)   https://www.bbc.com/russian/news-56137696.
5)   Belinskij, Vissarion: Brief an Gogol. In: Ders.: Ausgewählte philosophische Schriften. Moskau 1950, S. 569.
6)   https://minjust.gov.ru/ru/documents/7755/; https://palace.ovdinfo.org; https://openmedia.io/news/n3/moskovskij-protest-povzroslel-peterburgskij-obnovilsya-napolovinu-sociologi-podveli-itogi-mitinga-31-yanvarya/.
7)   https://noek.info/nachrichten/osteuropa/russland/1853-russland-kirchliche-vertreter-kritisieren-proteste.
8)   https://foma.ru/cerkov-i-kazhdyj-konkretnyj-prihod-dolzhny-byt-otkryty-dlja-ljudej-samyh-raznyh-politicheskih-vzgljadov-protoierej-maksim-kozlov.html.
9)   https://www.rosbalt.ru/moscow/2021/02/04/1885828.html.
10) https://credo.press/235791/.
11) https://meduza.io/feature/2021/09/28/protiv-navalnogo-i-ego-blizhayshih-soratnikov-vozbudili-ugolovnoe-delo-ob-ekstremistskom-soobschestve-politiku-grozit-esche-10-let-kolonii.
12) Thesing, Josef; Uertz, Rudolf (Hg.): Die Grundlagen der Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche. Sankt Augustin 2001, S. 33, 35.
13) https://www.ng.ru/ng_religii/2021-02-02/9_501_protest.html.
14) https://www.currenttime.tv/a/v-habarovske-zaderzhali-svyaschennika-andreya-vinarskogo-na-pikete/31337272.html.
15) https://noek.info/nachrichten/osteuropa/russland/1943-russland-priester-wegen-unterstuetzung-fuer-navalnyj-unter-druck.
16) Shishkov, Andrey: The Navalny Protests and Orthodoxy’s A-political Theology; https://publicorthodoxy.org/2021/02/09/the-navalny-protests-and-orthodoxys-a-political-theology/.
17) https://www.rbc.ru/politics/21/12/2015/5676c4f69a79470a9c3bc1a9#.
18) https://www.mhg.ru/religioznaya-motivaciya-repressivnyh-praktik-v-rf
19) https://www.dw.com/ru/kommentarij-patriarh-kirill-zagonjaet-rpc-v-tupik/a-56413790
20) Tschapnin, Sergej: Orthodoxer Fundamentalismus: Führt die Pandemie zu einer Spaltung in der ROK?; https://noek.info/hintergrund/1630-orthodoxer-fundamentalismus-fuehrt-die-pandemie-zu-einer-spaltung-in-der-rok.

pdfRGOW 10/2021, S. 22-25.

Bild: Priester Alexej Uminskij wurde für seine Forderung nach besserer medizinischer Versorgung Navalnyjs und anderer Häftlinge scharf angegriffen. Foto: https://fond.pjk.ee