G2W 7-8/2011: Südosteuropa

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Stefan Kube: Debatten über den nationalen Namen der bosnischen Muslime
In den 1960er Jahren wurden die bosnischen Muslime von der sozialistischen Staatsführung unter der nationalen Bezeichnung «Muslime» als eigene Nation anerkannt. Unter muslimischen intellektuellen entbrannten daraufhin Debatten, was mit der nationalen Bezeichnung zu verbinden sei und in welchem Verhältnis sie zur Religionszugehörigkeit stehe. Erst 1993 wurde der nationale Name in «Bosniaken» umgeändert.

Katrin Boeckh: Die orthodoxe Kirche in Serbien als historische Institution
Die Serbische orthodoxe Kirche versteht sich traditionell als Repräsentantin und Beschützerin der serbischen Nation. In einem historischen Rückblick führt die Autorin Gründe für dieses kirchliche Selbstverständnis an und verweist auf die Gefahren einer politischen Instrumentalisierung der Kirche. Vor allem während des Milošević-Regimes hat die Serbische Orthodoxe Kirche zur nationalen Mobilisierung beigetragen.

Elena Panagiotidis: Juden im ersten Jugoslawien
Im ersten Jugoslawien (1918–1941) existierte eine vielgestaltige jüdische Landschaft: Aschkenasische Gemeinden waren vor allem im Norden des Landes anzutreffen, während die Mehrheit der Juden im Südosten Sepharden waren. Beide Gruppen unterschieden sich nicht nur in der Selbst-, sondern auch in der Außenwahrnehmung. Mit dem Überfall des deutschen Reiches auf Jugoslawien 1941 und dem Holocaust fand das jüdische Leben vielerorts ein gewaltsames Ende.

Gerd Stricker: Die Rumänische Orthodoxe Kirche im Kommunismus
Im Mittelpunkt des Artikels steht die ambivalente Rolle der Rumänischen Orthodoxen Kirche während der kommunistischen Herrschaft: Auf der einen Seite war die Kirche Verfolgungen seitens des sozialistischen Regimes ausgesetzt, auf der anderen Seite kollaborierten nicht wenige Geistliche mit dem Regime und der Geheimpolizei «Securitate». Eine offene Auseinandersetzung der Kirche mit den Verstrickungen der Vergangenheit hat noch nicht stattgefunden.

Hans-Christian Maner: Die "Kathedrale zur Erlösung des Volkes" in Bukarest
In Bukarest soll nach dem Willen der Rumänischen Orthodoxen Kirche die größte orthodoxe Kirche des Landes entstehen. Das Projekt der «Kathedrale zur Erlösung des Volkes» hat zu heftigen Debatten zwischen Befürwortern und Gegnern des Bauvorhabens geführt: Während die Befürworter auf die Notwendigkeit eines größeren Gotteshauses verweisen, werfen die Gegner der Kirchenleitung Gigantomanie und Geldverschwendung vor.

Christian Giordano: Bulgarien: Eine Gesellschaft des öffentlichen Misstrauens
In Bulgarien, das seit 2007 EU-Mitglied ist, lässt sich eine Kultur des öffentlichen Misstrauens beobachten. Der Autor führt diese aber nicht auf politische Rückständigkeit zurück, sondern erklärt sie als rationale Strategie aufgrund negativer historischer Erfahrungen: Diese führten zu einer komplexen Wechselbeziehung zwischen Regierenden und Regierten, die beiderseits die Sorge um das Gemeinwohl nicht als Dienst an der Gesamtgesellschaft begreifen, sondern zur Sicherung der eigenen Privatsphäre nutzen.

Stefan Rohdewald: Heilige in nationalen Diensten: Ivan von Rila und Kliment von Ohrid
In vielen ost- und südosteuropäischen Ländern war in den letzten Jahren eine Renaissance von Nationalpatronen zu beobachten. Der Autor untersucht, welche Rolle die Hl. Ivan von Rila und Kliment als Symbolfiguren im heutigen bulgarischen und makedonischen nationalen Diskurs spielen. In den Blick geraten dabei auch die vielfältigen Wandlungen der Erinnerungskultur von der mittelalterlichen «Memoria» bis hin zur aktuellen Indienstnahme der Heiligengestalten zur Durchsetzung politischer Ziele.

Regula Zwahlen: Religionsunterricht in Russland
Seit anderthalb Jahren wird in einigen Grundschulen der Russländischen Föderation testweise das Fach «Grundlagen religiöser Kulturen und weltlicher Ethik» unterrichtet. Inzwischen liegen Evaluationen unterschiedlicher institutionen vor: Das Projekt stößt bei Kindern, Lehrpersonal und Eltern auf große Zustimmung, auch wenn noch viele Mängel konstatiert werden.

Stanislau Paulau: Spurensuche: Karl Rahner in der UdSSR
Karl Rahner hat sich in seiner Theologie für einen Dialog zwischen Christentum und Atheismus eingesetzt. Aus diesem Grund war das Denken Karl Rahners auch für russisch-orthodoxe Theologen der Sowjetzeit interessant. Mit seiner Theologie konnten sie sich unter anderem durch die antireligiöse atheistische Propagandaliteratur vertraut machen, die sich Ende der 1970er Jahre auch mit Rahner auseinandersetzte. Der Autor präsentiert eine erste Spurensuche der Rahner-Rezeption in der Sowjetunion.

Wolfgang Schwaigert: Die Äthiopische Täwahedo Kirche
Die Äthiopische Orthodoxe Täwahedo-Kirche führt ihre Ursprünge bis in die neutestamentliche Zeit zurück. Bis ins 20. Jahrhundert war die Kirche jurisdiktionell von der Koptischen Orthodoxen Kirche abhängig. Nach dem Sturz des Mengistu-Regimes 1991 kam es zu einem Aufblühen des kirchlichen Lebens. Charakteristisch für die äthiopische Kirche sind Praktiken, die an das Judentum erinnern.

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